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Der Simputer ist ausgeträumt

Mario Gongolsky
Ein preiswerter Linux-PDA sollte zum Innovationsmotor für den indischen Subkontinent werden, indem er selbst der einfachen Landbevölkerung die Segnungen des Internets beschert. Dafür hatte sich die Firma Encore mit dem Indian Institute of Science in Bangalore zusammengetan und unüberhörbar Applaus geerntet. Die Simputer getauften Klein-Rechner sollten bereits 2001 in die Serienproduktion gehen, doch Finanzierungsschwierigkeiten verzögerten das Projekt. 2002 began die Serienfertigung. Heute, ein Jahr später, ist das vielbeachtete Hätschelkind der indischen IT-Industrie de facto gescheitert.

Die ersten Modelle lagen in der Größe irgendwo zwischen PDA und Webpad, ließen sich mit zwei gebräuchlichen Mignon-Batterien betreiben und hatten ein V.90-Modem eingebaut.

Der Simputer kam keinesfalls primitiv daher: 32- oder 64-MB-RAM unterstützen einen modernen StrongArm-Prozessor mit 206 MHz und sorgte für ausreichend Rechenleistung. Als Betriebssystem setzt der Simputer voll auf Linux. Der Einfach-PC hatte einen Lautsprecher, konnte MP3-Files abspielen und im Internet surfen. Als externe Anschlussmöglichkeiten verdienen der USB-Port und die Infrarot-Schnittstelle eine Erwähnung. Um abgerufene Daten offline verfügbar zu machen, steht ein Smartcard-Slot zum Lesen und Schreiben zur Verfügung, der sich mit preisgünstigen Speicherkarten bestücken lässt.

Bedient wurde der Simputer 1 über einen Touchscreen mit 240 x 320 Bildpunkten. Ersatzweise stehen vier Pfeiltasten als Navigationshilfe bereit. Das Gehäusematerial, seine Form und Größe, verzichtete auf die gedrungene Eleganz der teuren Konkurrenz am Weltmarkt. Der Anblick des ersten Simputer erinnerte stark an einen tüchtig gewachsenen Game-Boy.

Encore-Chef Vinay Desphande berichtete einst, es lägen bereits über 1.000 Bestellungen vor. Doch der angekündigte Siegeszug fiel aus.



Zu teuer?


Ganz klar, neben der indischen Landbevölkerung durften sich viele einfache Haushalte angesprochen fühlen. Doch ein kritischer Vergleich des Kaufpreises mit dem durchschnittlich zur Verfügung stehenden Haushaltseinkommen macht schnell deutlich, dass nur eine kleine Schicht der Bevölkerung zu direkten Simputer-Kunden werden kann. In den angepeilten ländlichen Gebieten Indiens liegt das Jahreseinkommen kaum über 350 Euro. Deshalb sind Radio und Zeitungen nach wie vor die meistgenutzten Medien. Ein einfaches Transistorradio ist für 5 Euro zu haben, ein Satz Batterien schlägt mit 3 Euro zu Buche. Die Spanne zum Einstandspreis des Simputer mit 200 Euro ist also beträchtlich.

Daran hat der Simputer-Trust natürlich gedacht. Dort erklärt man, man möchte die Geräte gerne so platzieren, dass mehrere Personen auf einen Simputer zugreifen können. Eine Smartcard trägt die persönlichen Profile des jeweiligen Benutzers. Auf diese Weise hatte man Schulen im Visier, dachte aber ebenso an Ladenbesitzer, die einen Simputer verleihen.



Zu hässlich?


Mehr als ein paar Produktionsmuster hat es vom Simputer 1 nie gegeben. Weder der Software-Entwickler Encore noch das Bangalore-Science-Institute hat Erfahrung in der Produktion von Hardware, geschweige denn eigene Produktionsmöglichkeiten. Die Simputer-Entwickler gründeten die Vermarktungsfirma Picopeta aus. Der indische Informationsminister, der sich bereits in den Jubelmeldungen rund um den Simputer profilierte, vermittelte die Firma BEL, eine 100%ige-Tochter des indischen Rüstungskonzerns Barath, zur Produktion der Geräte. Doch für eine Serienfertigung reichten die 1.000 Bestellungen nicht aus. Die zwei neuen Simputer-Modelle sollten erst als BEL-Picopeta firmieren und bekamen schließlich den Produktnamen Amida. Die Hersteller peilen mit dem Konzept aber freilich gleich den Weltmarkt an, um das Ziel eines günstigen Preises von unter 10.000 Rupien (rund 185 Euro) tatsächlich zu erzielen. Neue Modelle in gefälligen Designs wurden präsentiert.

Das alles verzögerte eine Fertigung bis in das Jahr 2002 hinein. Bei alledem hatte man die Rechnung ohne den Markt gemacht. Massenhersteller wie Palm und HP brachten immer attraktivere PDAs im Low-Cost-Bereich auf den Markt. Die volltönend angekündigten Steuererlasse für den indischen Simputer, die es ermöglicht hätten, ohne Mehrwertsteuer und ohne Ausfuhrsteuer den vielgelobten Volks-PDA unter 10.000 Rupien zu verkaufen, wurden nie Realität. Der Grund ist banal: ohne Serienfertigung keine Steuererlasse und ohne Steuererlasse kein attraktiver Preis für eine Massenfertigung.



Eben doch nur ein PDA?


Doch die neuen Simputer-Modelle sind der ursprünglichen Idee, ein preiswerter Einstieg in die Informations- und Wissensgesellschaft zu sein, längst entwachsen. BEL-Picopeta präsentieren einen PDA mit eingebautem GSM/CDMA-Funkmodem und verwenden angeblich einen 400 MHz-Prozessor. Sogar ein GPS-Modul soll vorhanden sein. Auch die Idee, den Simputer mit handelsüblichen Mignon-Batterien zu bestücken war ein Schlag ins Wasser. Viele angebotene Batterien waren von minderer Qualität und Ausdauer, zudem wurden Batterien falsch gepolt eingelegt. Nun ist man bei BEL-Picopeta in der Welt angekommen und verwendet Lithium-Ionen-Akkumulatoren. Im Ergebnis liegen die tatsächlichen Preise zwischen 12.000 und 15.000 Rupien und das ist eben eine Preisklasse, in der internationale Konkurrenz gut aufgestellt ist. Zudem sind sich die Partner nie über die richtige Strategie zum Verkauf der Geräte einig geworden. Der eine sucht das große Geschäft in Palettengröße, der andere kümmert sich quasi um jeden Fachhändler einzeln.


Bangalore ist nicht Hollywood


Die Verkaufserfolge sind dementsprechend mehr als bescheiden. Einer der Simputer-Väter, Professor Manohar, heute verantwortlich für die BEL-Picopeta-Simputer räumt ein, dass kaum mehr als 2.000 Geräte weltweit verkauft worden sind. Die meisten gingen nach Malaysia und sind da nicht etwa strahlende Entwicklungshelfer, sondern fristen ihre Lebensdauer als Kellner-Bestellcomputer in Koala-Lumpur. Das ganze Simputer-Projekt droht an den hochgesteckten Erwartungen, entfacht durch eine elektrisierende weltweite Berichterstattung zu verenden. “Bangalore ist nicht Hollywood”, wird Professor Manohar in der indischen Presse zitiert. Es reiche nicht ein gutes Produkt zu machen, um einen großen Kunden dafür zu finden und einen weltweiten Siegeszug anzutreten. Seit Ende 2002 ist es selbst in der sonst so euphorischen indischen PC-Fachpresse nun totenstill um den Simputer geworden.


Malacca soll die Idee retten


Unabhängig vom Preis, hat der Anschluss der ärmeren Regionen der Erde an das Internet noch weit hartnäckigere Feinde: Es sind die vielen Menschen, die weder Lesen noch Schreiben können. Die Entwicklertruppe des Simputers konzentriert sich deshalb heute mehr auf die Softwareentwicklung. Mit der Simputer-Trust stellen sie nun zielgruppengerechte Anwendungsentwicklungen her. Vielleicht ein Befreiungsschlag für die ganze Simputer-Initiative, denn wenn man bei der Hardware nicht wirklich punkten kann, so lassen sich auf der Softwareseite Applikationen schmieden, die dem Simputer einen unübersehbaren Mehrwert geben. Der Simputer, ein PC, der sich ohne Maus, Windows und Englischkenntnisse bedienen lässt.

Herzstück dieser Bemühungen ist Malacca, eine Linux-PDA-Oberfläche, die sich mit der XML basierter IML (Information Markup Language) gestalten lässt. Vorteil der Information Markup Language ist ihre Multilingualität. Mit ihr können sehr viele Sprach- und Zeichensätze dargestellt werden. Derzeit konzentriert man sich naturgemäß auf indischen Sprachen wie Hindi und Tamil. Ein weiterer Schwerpunkt der Malacca-Entwicklung liegt in der Nutzung von Audiofunktionen. Wichtiger Bestandteil dafür ist eine Text-to-Speech-Engine für Malacca, die im Augenblick für Hindi zur Verfügung steht.

Die Simputer-Trust sucht Unterstützung in der Open-Source-Gemeinschaft, um Malacca auf weitere Sprachen zu portieren und Anwendungen dafür bereitzustellen.

Malacca erhält bei weitem nicht den Presserummel, den die Simputer-Idee einst auslöste. Auch in Indiens IT Sektor sind zu viele Hoffnungen der Realität zum Opfer gefallen. Das könnte für Malacca die Chance beinhalten, ohne öffentlichen Erwartungsdruck zu reifen. Selbst für entwickelte Märkte in Europa und den USA, könnte eine gut gemachte PDA-Oberfläche für Linux neue Marktimpulse liefern und die Preise von Kleincomputern weiter senken.

16.3.2004






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