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E wie Entwicklungshilfe und Ekommerz

Mario Gongolsky
Das Radio ist das einzige elektronische Massenmedien der Entwicklungsländer.
Mit der Revolution des Informationszeitalter scheint die Wirtschaftslehre einen neuen Produktionsfaktor gewonnen zu haben. Neben der Verfügbarkeit von Boden, Kapital und Arbeitskraft könnte nunmehr die Information ein Faktor sein, der über Reichtum oder Siechtum entscheidet. Schon machen sich die Industrienationen der Welt daran, an der Überwindung der so genannten Digitalen Spaltung zu arbeiten. E wie Entwicklungshilfe, E wie Ekommerz. Die Vernetzung als neuer Heiland der Dritten Welt? Uwe Afemann, Mitarbeiter des Rechenzentrum der Uni Osnabrück, gleicht den Mythos mit der ernüchternden Realität ab.

Netzkritik: Wie sind Sie auf das Thema gestoßen? Gab es bei Ihnen ein Schlüsselerlebnis?

Uwe Afemann: Von 1987 bis 1989 habe ich an der Ingenieur-Universität in Lima/Peru Informatik unterrichtet und während dieses Aufenthaltes die wirklichen Probleme und Bedürfnisse der Menschen aus einem Entwicklungsland kennen gelernt, aber auch die Euphorie und Hoffnungen bezüglich möglicher Verbesserungen der Lebensqualität durch dem Einsatz von Computern. Wobei dies vor allem ein Thema in Lima war, aber nicht so sehr außerhalb der Hauptstadt. Schon damals sollte der Computer der Schlüssel zur Lösung aller Probleme sein. Unter anderem wollte die damalige Regierung des peruanischen Präsidenten Alan Garcia die Qualität des peruanische Bildungswesen durch den Einsatz von Computern verbessern - Peru belegt den letzten Platz in der bei uns sehr bekannten Pisa-Studie. Doch die Probleme resultieren nicht aus dem Fehlen von Computern in Schulen, sondern aus der schlechten Ausbildung der Lehrer, 50 Prozent haben nur einen Sekundarschulabschluss, ihrer schlechten Bezahlung, der fehlenden Infrastruktur wie Stühlen, Tischen oder Tafeln, geschweige denn einem Stromanschluss und natürlich der schlechten wirtschaftlichen Situation. Mehr als die Hälfte der Peruaner sind arm und viele Kinder können nicht zur Schule gehen, weil sie mitarbeiten müssen.

Netzkritik: Nun haben Sie einige Entwicklungsländer besucht und sich über Projekte informiert, die sich die Überwindung der Digitalen Spaltung auf die Fahnen geschrieben haben. Wenn man sich näher mit ihren Arbeiten beschäftigt, kann man zu dem Schluß kommen, die Idee über das Internet für mehr Wissen und mehr Wohlstand auf der Welt zu sorgen, sei schon im Ansatz falsch. Sie berichten aus Afrika, aus Lateinamerika aber auch vom indischen Subkontinent. Indien ist wohl so etwas wie ein Schwellenland. Hier gibt es ein Bildungssystem, das erste Früchte trägt, und der Ort Bangalore gilt als das Silicon-Valley Indiens. Die niedrigen Gehälter der dortigen IT-Fachleute sorgen für wirtschaftliches Wachstum und mehr Wohlstand - sollte man meinen. Die Entwicklung hat aber auch Schattenseiten. Was ist das Problem?

Uwe Afemann: In Indien gibt es zwar zahlreiche Software-Technologie Parks, der berühmteste ist in Bangalore, und einige indische Firmen sind auch weltweit sehr erfolgreich, doch u. a. wird den dort ansässigen Firmen eine jahrelange Steuerersparnis gewährt. Der Staat Indien und damit seine Bürger profitieren also nur in sehr geringen Maße durch die dort entstandenen Gewinne und Schaffung der begrenzten Anzahl von Arbeitsplätzen. Die Software-Technologie-Parks gibt es jetzt seit über zehn Jahren, doch wenn man die Entwicklungsberichte des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen liest, so lässt sich nicht feststellen, dass sie einen großen Einfluss auf die wirtschaftliche Situation der Landes haben. Indien gehört weiterhin zu den ärmsten Ländern der Welt - ca. 80 % der Inder müssen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen - und die Analphabetenrate liegt nach dem neuesten Bericht bei 42 % und ist damit fast auf dem Niveau der am wenigsten entwickelten Staaten.
Durch die Software-Parks vergrößert sich nur die Spaltung innerhalb der indischen Gesellschaft und speziell in Bangalore haben sich für die meisten Menschen die Lebensbedingungen aufgrund der gestiegenen Lebenshaltungskosten eher verschlechtert als verbessert.

Netzkritik: In ihren Afrika-Berichten demontieren Sie förmlich jede Form der elektronischen Entwicklungshilfe, mit der Industriestaaten gerne werben. Was sind die wichtigsten Probleme Afrikas, die verhindern, dass Förder- und Bildungsprojekte überhaupt einen Nährboden für Erfolg finden können?

Uwe Afemann: Die Armut ist das größte Problem Afrikas. Von den am wenigsten entwickelten 48 Ländern gehören fast alle zu Afrika. Fast 2/3 der Menschen aus den afrikanischen LDC-Staaten leben mit weniger als 1 Dollar pro Tag, und fast 90 % mit weniger als 2 Dollar. Vor 25 Jahren war die Situation zwar auch sehr schlimm, doch mit 56 % Bevölkerung unter 1 Dollar Einkommen pro Tag war die Lage doch noch „besser“. Über 71 Prozent der afrikanischen Stadtbewohner hausen in Slums
Also bräuchte man Projekte, die den Armen zu Gute kommen, die ihre Lebensbedingungen verbessern und ihnen eine Chance geben, sich ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Dazu müssten z. B. die Zoll- und Handelsbeschränkungen der Industrieländer gelockert und die Agrarsubventionen abgeschafft werden. Eine Erkenntnis, die nicht neu ist und auf jeder internationalen Konferenz aufs Neue formuliert, aber noch nie umgesetzt wurde.
In Bezug auf IT-Projekte möchte ich hier aus einem Bericht der Generaldirektion Außenbeziehungen der Europäischen Kommission von 2001 zitieren: 'Die Vernetzung wird wahrscheinlich weiterhin sehr weit unten stehen auf der Prioritätenliste dieser Länder, und solche Vernetzungsprogramme, die in diesen Ländern implementiert werden, müssen die Hindernisse, die durch andere Grundentwicklungsbedürfnisse gegeben sind, in Betracht ziehen. ... Die Bedürfnisse dieser Menschen sind erstens nicht mit den neuen Computernetzen verbunden, auch wenn das durch die Netze verursachte Wachstum in diesen Ländern, in welchen sie leben, ihnen vielleicht zusätzliche soziale Dienste bieten und langfristig ihren allgemeinen Lebensstandard anheben mögen. Ihre Hauptbedürfnisse sind von grundlegenderer Art, nämlich ausreichende Nahrung, Trinkwasser, Gesundheitspflege, die hauptsächlich nicht im Zusammenhang mit einer Politik der neuen Netze stehen.'

Netzkritik: Sie erteilen auch dem E-Learning eine Absage. Weshalb?

Uwe Afemann: Erstens ist E-Learning sehr teuer und es fehlt dazu die Infrastruktur und zweitens ist umstritten, ob dadurch wirklich besseres Lernen erreicht wird. Und E-Learning im Grundschulbereich ist erst recht unsinnig. Die afrikanischen Kinder gehen deshalb nicht zur Schule, weil sie arbeiten müssen und nicht, weil kein Internetanschluss vorhanden ist. Und ob durch solche Programme die hohe Analphabetenrate gesenkt werden kann oder ob dadurch der Anteil der Mädchen am Schulbesuch zunehmen wird, ist zweifelhaft. Schulspeisungen in Kenia haben da mehr Erfolg gehabt. Wichtig wäre auch, dass die afrikanischen Staaten ihre Lehrer besser ausbilden und besser bezahlen würden und vor allem entgegen allen Lippenbekenntnissen mehr Unterricht in lokalen afrikanischen Sprachen erteilen würden und mehr Geld in die Primarbildung ausgeben. Zur Zeit investieren die meisten afrikanischen Staaten mehr im akademischen Bereich, was nur den bestehenden Eliten zu Gute kommt.

Netzkritik: Sie haben sich auch mit Anspruch und Realität des E-Commerce in den Entwicklungsländern befasst. Die Chancen für eine positive wirtschaftliche Entwicklung beurteilen Sie allerdings sehr schlecht. Die Wirkung sei - wenn überhaupt - marginal. Was veranlasst Sie zu dieser These?

Uwe Afemann: Alle bisherigen Erfahrungen mit E-Commerce zeigen, dass es nur wenige erfolgreiche Firmen auf diesem Gebiet gibt und man darf nicht vergessen, dass die Realitäten der Entwicklungsländer andere sind als in den Industrienationen. Auch die kulturellen Unterschiede gilt es zu bedenken.
Das Problem der ungerechten Handelsbeziehungen habe ich ja schon angesprochen. Und was den E-Commerce mit dem Endkunden in der so genannten Dritten Welt angeht, so fehlt es einmal an Infrastruktur im Telekommunikationsbereich, an Kaufkraft und Kunden mit Kreditkarten und nicht zu letzt an Straßen und Eisenbahnlinien. Afrika hat z. B. nur ein Drittel soviel befestigte Straßen wie Deutschland. Die meisten Waren müssen ja transportiert werden und zwar möglichst zeitnah zur Bestellung. Und dann habe ich in der afrikanischen Presse gelesen, dass es häufig auch an einer Lieferadresse fehlt, denn in vielen afrikanischen Orten gibt es weder Straßenbezeichnungen noch Hausnummern.

Zur Sache: LDC

Diese Kategorie der 'least developed countries' (am wenigsten entwickelte Länder) wurde 1971 von der UNO eingeführt. Sie gilt für Staaten, die besonders große Entwicklungsprobleme haben:
Pro-Kopf-Einkommen bei 600 Dollar jährlich, niedrige Lebenserwartung, geringe Kalorienversorgung pro Kopf, Alphabetisierungsquote, das Bruttoinlandsprodukt, Beschäftigtenanteile in der Industrie, Stromverbrauch pro Kopf, Exportstruktur, Einwohnerzahl nicht über 75 Millionen.

Nach dem neuesten Human Development Report 2003 gehören folgende Staaten zu den LDCs.

Afghanistan
Angola
Bangladesh
Benin
Bhutan
Burkina Faso
Burundi
Cambodia
Cape Verde
Central African Republic
Chad
Comoros
Congo, Dem. Rep. of the
Djibouti
Equatorial Guinea
Eritrea
Ethiopia
Gambia
Guinea
Guinea-Bissau
Haiti
Kiribati
Lao People’s Dem. Rep.
Lesotho
Liberia
Madagascar
Malawi
Maldives
Mali
Mauritania
Mozambique
Myanmar
Nepal
Niger
Rwanda
Samoa (Western)
São Tomé and Principe
Senegal
Sierra Leone
Solomon Islands
Somalia
Sudan
Tanzania, U. Rep. of
Togo
Tuvalu
Uganda
Vanuatu
Yemen
Zambia

27.10.2003






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Teil 2 von "E wie Entwicklungshilfe und Ekommerz"


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